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Heizungsableser zocken die Verbraucher ab

Wir zahlen Millionen von Euro zu viel für Heizungsableser

Der Markt für Heizungsablesung scheint eine Lizenz zum Gelddrucken zu sein. Nach neuesten Geschäftsunterlagen von verschiedenen Branchenfirmen erreichen die Unternehmen der Branche absolute Traumrenditen. Und das hat nach Auswertung von Mieterdaten durch die gemeinnützigen Gesellschaft „co2online“ und des Online-Portals „www.heizspiegel.de“ einen simplen Grund: Die deutschen Mieter zahlen jährlich rund 195 Millionen Euro für Messdienstleisterkosten zu viel. Marktführer wie „Ista“ aus Essen und „Techem“ aus Eschborn gehörten demnach im Schnitt zu den teuersten Anbietern. Die beiden Firmen, die den Markt dominieren, liegen bei der Auswertung mit ihren Gebühren um 24 und 18 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Doch dagegen wehren kann sich ein Mieter nicht. Verbraucherschützer fordern daher jetzt ein Einschreiten der Wettbewerbshüter. Es sei offensichtlich, dass es hier Marktstrukturen gibt, die kunden- und wettbewerbsfeindlich sind.

Die „Ista International GmbH“ konnte 2009 laut Konzernabschluss eine Bruttomarge von 41,3 Prozent erreichen. Damit kommt „Ista“ bei einem Jahresergebnis von 110,98 Millionen Euro allein im Deutschland-Geschäft auf eine Umsatzrendite von 31,3 Prozent. Bei Konkurrenten wie „Techem“ sieht es ähnlich aus. An den Marktanteilen hat sich seit mindestens einem Jahrzehnt kaum etwas verändert. Die drei großen Firmengruppen „Techem“, „Ista“ und „Brunata-Metrona“ kommen auf einen Marktanteil von fast 73 Prozent. Allein „Ista“ kam 2009 auf 25,5 – Tendenz steigend.
Die Verbraucherzentrale Baden-Würtemberg hat errechnet, dass allein die Kosten für das Heizungsablesen, die Wartung der Erfassungsgeräte und die Erstellung der Abrechnung zwischen fünf und zehn Prozent der Gesamtkosten für Heizung und Warmwasser ausmachen. „Wenn hier der Wettbewerb nicht funktioniert und überhöhte Preise verlangt werden, geht dies eindeutig zulasten der Mieter.“, sagt Heinz Weinreuter, Energierefefent der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.
Andreas Düllick sprach für den strassenfeger mit Stefanie Jank,
Projektleitung Heizspiegelkampagne von „co2online, und Jana Zacharias, Sprecherin des Bundeskartellamts.

strassenfeger: Was sind die Gründe für diese Abzocke der Mieter?
Stefanie Jank: Wir sind keine Ökonomen, sondern beraten Verbraucher. Deshalb können wir nur konstatieren, dass es für Mieter und Vermieter schwer ist, sich einen Überblick zu verschaffen, welche Dienstleister zu welchem Preis ihre Dienste anbieten – außer, sie holen sich mehrere Vergleichsangebote ein. Genau das tun die meisten Vermieter nicht, dabei sollte es die Regel sein. Dann werden nicht nur Überzahlungen unwahrscheinlicher, gleichzeitig wird sich so auch eine vergleichbare Marktstruktur herausbilden, bei der diejenigen, die mit offenen Karten spielen und Preislisten veröffentlichen, im Vorteil sind.

sf: Warum gibt es keinen echten Wettbewerb auf diesem Markt?
S. J.: Wir können nur von Zahlen sprechen: Seit 2004 erstellen wir Heizgutachten für Wohnungen und Wohnhäuser in Deutschland. Dabei analysieren wir die Heizkostenabrechnungen und konnten anhand einer Auswertung feststellen, dass viele Haushalte schlicht und einfach zu viel für die Heizungsablesung bezahlen. Überzahlungen gibt es übrigens auch, wie unsere Untersuchung zeigt, bei anderen Heiznebenkosten und beim Brennstoffeinkauf. Es lohnt sich also, die Heizkostenabrechnung einmal genau unter die Lupe zu nehmen oder eben nehmen zu lassen.
Jana Zacharias: Die Marktverhältnisse auf dem Markt für Heizungsablesedienste haben wir zuletzt im Jahr 2002 umfassend untersucht. Damals ging es um die geplante Fusion von Viterra (dem Vorgänger der ista) und Brunata. Wir haben festgestellt, dass zum damaligen Zeitpunkt der Markt von Techem und Viterra gemeinsam beherrscht wurde (sog. Duopol). Auch die strukturellen Wettbewerbsbedingungen waren problematisch, zumal es sich bei den Wettbewerbern weitgehend um kleine und mittelständische Unternehmen gehandelt hat. Wir haben das Vorhaben deshalb untersagt. Seither hatten wir hierzu aber keinen Fall mehr, bei dem die Marktverhältnisse nochmal genauer zu prüfen gewesen wären. Ob und inwieweit sich die Marktverhältnisse in den letzten Jahren grundlegend verändert haben, kann allerdings ohne aufwändige Ermittlungen nicht eingeschätzt werden.

sf: Gibt es eventuell sogar Preisabsprachen wie in anderen Branchen?
S. J.: Dazu ist uns nichts bekannt. Hierfür sind wir auch nicht der richtige Ansprechpartner.
J. Z.: Hierzu liegen uns bislang keine hinreichenden Anhaltspunkte vor.

sf: Welche Möglichkeiten haben Wettbewerbshüter wie das Kartellamt gegen Preisabsprachen und Oligopol vorzugehen?
J. Z.: Bei Kartellabsprachen kann das Bundeskartellamt hohe Bußgelder verhängen - bis zu 10 Prozent des Umsatzes der Kartellteilnehmer. Im Hinblick auf Oligopole gilt: Durch die Fusionskontrolle verhindern wir, dass durch einen Zusammenschluss von Unternehmen eine marktbeherrschende Stellung entsteht oder verstärkt wird. Wie zum Beispiel bei der Untersagung des Vorhabens Viterra/Brunata. Es müssen aber nicht alle Zusammenschlussvorhaben bei uns zur Prüfung angemeldet werden. Vorhaben, bei denen nur ein kleiner Wettbewerber aufgekauft wird, der nicht mehr als zehn Millionen Euro Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr erzielt hat, fallen zum Beispiel nicht unter die Fusionskontrolle. Deshalb haben wir in den letzten Jahren auch keine umfassende Prüfung des Marktes für Heizungsablesedienste gehabt - denn bei den Fusionen, die es gegeben hat, ging es genau um diese Konstellation, die Übernahme kleiner Wettbewerber. Den Verbraucherschutzzentralen ist im Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) keine unmittelbare Befugnis eingeräumt, das Kartellrecht durchzusetzen. Verbraucher haben aber die Möglichkeit, bei einem Verstoß gegen das Kartellverbot oder dem Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung Unterlassungs- oder Schadensersatzansprüche geltend zu machen.

sf: Der Branchenverband, die ‚Arbeitsgemeinschaft Heiz- und Wasserkostenverteilung‘ zweifelt die Seriosität einer Datenauswertung der Berliner Gesellschaft „co2online“ und des Online-Portals „Heizspiegel.de“ an?!
S. J.: Wir haben insgesamt 12.500 Heizkostenabrechnungen untersucht und auf dieser Grundlage die „fairen“ Preise für die Verbrauchserfassung durch Messdienstleister ermittelt. Die Datengrundlage ist mehr als ausreichend, um Aussagen über die Kosten und deren unterschiedliche Höhe machen zu können. Wir waren erstaunt, wie hoch die Schwankungen sind und wie unterschiedlich entsprechend die Kosten ausfallen, die Mieter in Deutschland zahlen müssen. Wir gehen davon aus, dass ein derartiges Gefälle bei einer transparenten Marktstruktur nicht vorhanden wäre.

sf: Welche Möglichkeiten haben Mieter bzw. Vermieter, sich vor dieser Abzocke zu schützen?
S. J.: Die Beauftragung des Messdienstleisters liegt beim Vermieter, die Kosten werden jedoch eins zu eins auf die Mieter umgelegt. Mieter sollten folgenden Weg einschlagen: Mittels des kostenlosen und vom Bundesumweltministerium geförderten Heizgutachtens, das auf www.heizspiegel.de angeboten wird, können Mieter feststellen, ob und wie viel sie für den Messdienst zu viel bezahlen. Liegt eine Überzahlung vor, sollten sie Kontakt zu ihrem Vermieter aufnehmen. Denn oftmals wissen diese noch nicht einmal, dass es verschiedene Anbieter gibt – obwohl sie laut dem Wirtschaftlichkeitsgebot, das im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert ist, im Sinne ihrer Mieter dafür Sorge zu tragen haben, dass es nicht zu Überzahlungen kommt. Der nächste Schritt ist, sich vor Ort Vergleichsangebote zu holen und dann den günstigsten Anbieter auszuwählen.

sf: Was unternimmt das Bundeskartellamt momentan, um einen fairen Wettbewerb auf diesem Markt im Sinne der Verbraucher zu gewährleisten? Welche Probleme und Fallstricke gibt es dabei?
J. Z.: Wir können nur etwas tun, wenn sich hier ein kartellrechtlicher Fall ergibt. Aber solange keine Fusion bei uns angemeldet wird, in deren Zusammenhang wir den Markt genauer überprüfen könnten oder aber handfeste Hinweise für Preismissbräuche oder Preisabsprachen vorliegen, haben wir hier keine Handhabe.

sf: Die Macher des ‚Heizspiegel‘ haben aus den o.g. Gründen ein tolles Angebot für Mieter parat. Was beinhaltet das genau?
S. J.: Da wäre zunächst das erwähnte Heizgutachten zu nennen. Dieses bewertet die Heizkosten, den Heizenergieverbrauch und die Heiznebenkosten, zu denen auch die Kosten für den Messdienstleister gehören. Das Gutachten hilft dabei, Heizkosten zu mindern und CO2-Emissionen zu vermeiden. Mit den Ergebnissen des Heizgutachtens kann man sich an den Vermieter wenden, hierzu haben wir Musterbriefe erstellt, die in unserem ebenfalls kostenlosen Energiesparkonto bereitstehen. Wenn Sie als Mieter den Vermieter mit im Boot haben, finden Sie auf www.heizspiegel.de eine Liste, die für alle Postleitzahlengebiete die dort tätigen Messdienstleister aufführt. Mit Hilfe dieser Liste können Vermieter sich lokale Vergleichsangebote einholen. Wie gesagt: Das ist nicht nur der schnellste Weg, um Überzahlungen zu vermeiden, sondern auch, um Licht in einen intransparenten Markt zu bringen. Die vielen Anfragen von Mietern und Vermietern, die uns nach Veröffentlichung unserer Untersuchung erreicht haben, zeigen uns, wie wichtig und gleichzeitig wenig bekannt das Thema bislang war.

Quellen: www.verbraucherzentrale-rlp.de, www.co2online.de, www.heizspiegel.de, www.ista.de, www.techem.de, Bundeskartellamt


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